Betrug im Darknet: Der spektakuläre Sturz eines dreisten Anwalts

Er hatte sich trotz seiner früheren Verurteilung um einen Praktikumsplatz beworben. Nun steht er erneut vor Gericht und gibt Betrug und Urkundenfälschung zu.

Irgendwann fühlte sich die vorsitzende Richterin einfach überfordert, ihr fielen einfach keine weiteren Fragen mehr ein. Sie hatte ohnehin improvisieren müssen, und die Wortflut des Angeklagten hat die 37. Kammer des Landgerichts überrascht. “Wir hatten nicht erwartet, dass diese Aussagen heute gemacht werden”, sagte die Richterin. Kurz darauf unterbrach sie die Verhandlung bis zum 18. Mai.

Am Donnerstag waren die Geständnisse der Angeklagten Sahin B. gemeint – der Fall der Anwältin ist wegen der Vorwürfe spektakulär: Bandenbetrug in mehr als 100 Fällen, Urkundenfälschung, Handel mit Dopingmitteln.

Der Fall ist spektakulär, weil der 25-jährige Anwalt sein Referendariat erfolgreich abgeschlossen hatte. Und dies, obwohl er bereits eine vierjährige Jugendstrafe wegen Betrugs in 314 Fällen verbüßt hatte. In seiner Klage hatte er eine Gesetzeslücke ausgenutzt.

Unter Decknamen eröffnete Konten

Der Mitangeklagte, der 28-jährige Johannes F., schwieg während des Prozesses. Sahin B. gab jedoch zu, dass er in vielen Fällen – teils allein, teils zusammen mit dem Mitangeklagten F. – Konten unter Decknamen eingerichtet und Banküberweisungen über ein POS-Terminal eines Kreditkartenanbieters getätigt habe.

POS steht für “Point of Sale”, ein solches Terminal wird für bargeldlose Zahlungen, zum Beispiel mit Debitkarten, in Geschäften verwendet. Geld aus betrügerischen Handlungen landete auf den Konten, auch in Form von Krypto-Währung.

Die Angeklagten hatten sich die Kreditkarten und die Kontoeröffnungsunterlagen mit einem Nachsendeantrag an die falschen Adressen schicken lassen. Am Ende landeten alle Dokumente in einer DHL-Station, wo die Post persönlich abgeholt werden konnte.
Die Betrugsmethode, die er zuvor angewandt hatte, funktionierte immer noch

Bei seinen Aktionen konnte der Anwalt auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Er hatte schon früher die Methode der Kontoeröffnung angewandt, was einer der Gründe für seine Verurteilung zur Jugendkriminalität ist. Aber die alte Methode funktionierte immer noch, wie der Anwalt erkannte, als er sich mit Darknet beschäftigte, dem Teil des Internets, auf den nur in verschlüsselter Form zugegriffen werden kann und der oft von Kriminellen benutzt wird.

Er habe also die bewährten Methoden übernommen, sagte B., bestritt aber, alle in der Anklageschrift aufgeführten Konten eröffnet zu haben. Mit einigen dieser Eröffnungen habe er nichts zu tun. Die Anklage geht davon aus, dass die Betrügereien im Jahr 2017 begannen, aber der Angeklagte erklärte, er habe sie Anfang 2018 begonnen.
Der Versuch, sich illegal Bafög-Gelder zu beschaffen, scheiterte

Der Angeklagte gab zu, dass er auch versucht hatte, über gefälschte Konten an Bafög-Gelder zu gelangen. Der Versuch scheiterte, Geld floss nicht, und jemand in der zuständigen Verwaltungsstelle wurde misstrauisch. Und der Angeklagte wurde nervös. Er fürchtete nun, dass auch die anderen Konten, die er unter Decknamen eröffnet hatte, Verdacht erregen könnten.

Also, sagte er vor Gericht, verkaufte er diese Konten als Sicherheit. Er platzierte die Angebote in Darknet, wo man fast alles kaufen kann. Die Käufer gehen natürlich unter Decknamen. So kam es, dass “Donald Duck” ein paar Konten kaufte.

Sieben oder acht Konten habe er verkauft, sagte der beschuldigte Anwalt. Bei den Preisen muss er jedoch nachgeben. Die 1000 Euro pro Stück, die er anfangs haben wollte, das wollte niemand bezahlen. Am Ende einigte man sich auf 500 Euro pro Stück.

Diese Konten wurden dann zu einer Sammelstelle für Geld aus verschiedenen Betrugsfällen. Auf sie flossen Geldbeträge, die die Käufer bezahlten, weil sie Staubsauger oder Werkzeuge bei Ebay bestellt hatten. Die Werkzeuge wurden nie geliefert. Aber auch Geld für gefälschte Konzertkarten, die im Internet auf einer bestimmten Plattform verkauft wurden, landete auf diesen Konten.

Doch bei all diesen Verkäufen sagte der Beklagte, er habe nichts damit zu tun. Er habe nur die betreffenden Konten verkauft.


Im “Darknet” erhielt er ein gefälschtes Strafregister

Im Darknet, so gestand er, habe er auch ein gefälschtes Führungszeugnis erhalten. Das gefälschte Dokument bescheinigte ihm, dass er bis dahin ein straffreies Leben geführt hatte, kein Wort über die vier Jahre Jugendstrafe. Mit diesem tadellosen Strafregister konnte er ab Dezember 2018 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer großen Wirtschaftskanzlei sein Geld verdienen.

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