Anschlag von München: Darknet-Betreiber ist frei

Auch der 18-jährige Münchner Attentäter David S. hatte seine Waffe auf der größten deutschen Darknet-Plattform gekauft.

Der Mann, der die größte deutsche Darknet-Plattform betrieben haben soll, einen virtuellen Marktplatz für Waffen, Drogen, gestohlene Kreditkartendaten und Falschgeld, ist überraschend aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Der Online-Schwarzmarkt hatte zeitweise 20 000 Mitglieder. Auch der 18-jährige Münchner Amokläufer David S. hatte seine Waffe hier gekauft, bevor er am 22. Juli 2016 neun Menschen erschoss.

Bei dem Betreiber soll es sich um einen Informatikstudenten aus Karlsruhe handeln, den heute 31-jährigen Alexander U. Im vergangenen Juni war er enttarnt worden. Der Student, der sich im Netz “Lucky” nannte, soll über seine Seite “Deutschland im Deep Web” Tausende Geschäfte wie jenes mit dem Münchner Amokläufer ermöglicht haben. Dennoch ist er nach Informationen der Süddeutschen Zeitung bereits Ende des vergangenen Jahres und auf Initiative der Staatsanwaltschaft Mannheim freigekommen.

Das sei angesichts der Schwere der Vorwürfe sehr ungewöhnlich, kritisierte ein Vertreter der Hinterbliebenen, der Münchner Anwalt Yavuz Narin. Nach dem Amoklauf hatte es bereits einen Strafprozess gegen den Verkäufer der Waffe gegeben, den 31-jährigen Philipp K., er war zu sieben Jahren Haft wegen fahrlässiger Tötung in neun und fahrlässiger Körperverletzung in fünfzehn Fällen verurteilt worden. Wie es mit dem Betreiber der ganzen Darknet-Plattform weitergeht, ist dagegen nun offenbar fraglich. Um ihn wegen strafbarer Beihilfe zu belangen, müssen die Ermittler nachweisen, dass er wusste, was die Nutzer auf seiner Plattform trieben. Deshalb könne sich die Eröffnung eines Prozesses noch hinziehen, heißt es in Justizkreisen.

Die Sorge vor einer “Strafbarkeitslücke” in solchen Fällen steht sogar im Koalitionsvertrag von Union und SPD: Falls Darknet-Betreiber nach geltendem Recht unter Berufung auf ihre Ahnungslosigkeit davonkämen, “werden wir eine Strafbarkeit für das Betreiben krimineller Infrastrukturen einführen”, um “das Betreiben eines Darknet-Handelsplatzes für kriminelle Waren und Dienstleistungen” zu einem eigenständigen Delikt zu erklären. Im verschlüsselten Teil des Netzes, in dem sich Nutzer anonym bewegen können, sind Administratoren wie “Lucky” oft mythenumwobene Figuren, wie etwa der “Dread Pirate Roberts” in den USA, der bis 2013 den Schwarzmarkt “Silk Road” betrieb. Heute sitzt er eine lebenslange Gefängnisstrafe in Oklahoma ab.

 

Am Abend des 8. Juni 2017, des kühlsten Tages eines heißen Sommers, bricht in der Karlsruher Südweststadt ein Rammbock durch eine Wohnungstür. Mit einem Krachen endet nicht nur das stumme Warten der Ermittler. Stundenlang haben sie in der Nähe auf der Lauer gelegen, auf einen Bildschirm gestarrt und gehofft, den Verdächtigen auf frischer Tat zu ertappen. Mit einem Krachen endet mutmaßlich auch der Aufstieg eines Phantoms, das sich „Lucky“ nannte. Innerhalb von vier Jahren soll er zu einer der wichtigsten Figuren im deutschsprachigen Darknet geworden sein, dieser den meisten Menschen unbekannten Parallelwelt, in der so viel mehr möglich ist als im echten Leben, in der so viel mehr möglich ist als im gewöhnlichen Internet. Die so viel entfesselter ist, und so viel abgründiger.

Die Spezialkräfte des Bundeskriminalamts stürmen seine Wohnung, gehen schnell und präzise vor, haben sich akribisch vorbereitet. Sie müssen unbedingt den Laptop sichern, genauer gesagt: den offenen Laptop, zugeklappt bringt er ihnen nichts, der Tatverdächtige muss noch eingeloggt sein. Sie wollen den Mann stellen, der sie zum Narren gehalten hat. Als das Phantom endlich vor ihnen steht, ergibt es sich sofort: Alexander U., ein 29 Jahre alter Informatikstudent. Breite Schultern, kantiges Gesicht, kurze, gegelte Haare.

Nicht nur die Ermittler, auch seine Freunde und seine Familie fragen sich: Was hat den unbescholtenen Studenten dazu getrieben, zu „Lucky“ zu werden, dem Mann, dem die Staatsanwaltschaft Mannheim vorwirft, im Darknet eine Plattform mit Millionenumsatz gegründet zu haben? Im Angebot hatten die Händler, die sich dort anmeldeten, Drogen, Falschgeld und Waffen bis zum Sturmgewehr. Mit einer dieser Waffen sollten neun Menschen ermordet werden, bei einem rechtsgerichteten Amoklauf in München 2016.
Der muskulöse Sunnyboy

Die Geschichte von Alexander U., geboren 1987, aufgewachsen im Schwarzwald, lässt sich aus Gesprächen mit Ermittlern rekonstruieren, auch aus Datenspuren im Netz. Er selbst, der bis vor Kurzem in Untersuchungshaft saß, lässt über seinen Anwalt ausrichten, dass er sich zu seiner Geschichte nicht äußern möchte. Wer nun am Ort nach dem Leben des Studenten sucht, landet in einem Haus in der Altstadt von Karlsruhe. An der Fassade des Wohnheims der Studentenverbindung „Verein Deutscher Studenten“, VDSt, hängt eine Fahne herab, die mit den Jahren grau angelaufen ist. Es ist eine eher trinkende als schlagende Verbindung, sagt einer, der hier mit Alexander U. zusammengewohnt hat.

Der sei beliebt gewesen, kein Eigenbrötler. Ein muskulöser Sunnyboy, der auch im Winter kurze T-Shirts trug, um seine Oberarme zu zeigen. Er ging auf Partys, bei Facebook gefielen ihm Seiten wie „Techno-Karlsruhe“, „Karlsruhe Club, Party, Events“, „Neu in Karlsruhe – Stammtisch, Bartour, Party und Freizeit!“. Die Ermittler sollten später auch Drogen bei ihm finden, aber nur in kleinen Mengen. Oft antwortete er mit „ack“ statt mit Ja. Kurz für „acknowledge“, Programmierer-Slang. Man solle sich nicht täuschen lassen von dem Backstein-Bau der Verbindung, sagt der ehemalige Mitbewohner, Computer-Student wie fast alle hier: Unsichtbar durchziehe das Gemäuer ein Netz raffinierter Technik.

Alexander U. und seine Verbindungsbrüder experimentierten in ihrem Hausnetzwerk mit allerlei Spielereien, alle verschlüsselt. Einmal kam eine Abmahnung einer Anwaltskanzlei, wegen des illegalen Downloads eines Pornofilms mit einem langen, skurrilen Titel. „Da stellte sich heraus, dass unser DSL-Anschluss auf einen Fantasienamen angemeldet war.“ Offiziell will die Verbindung sich nicht zu Lucky äußern.

Die Welt wird damals gerade aufmerksam auf die Macht der Daten, Edward Snowden enthüllt 2013 die weltweite Überwachung durch den Geheimdienst NSA. Aber die Informatik-Studenten im beschaulichen Karlsruhe wissen, wie gläsern die Bürger auch für Datenriesen wie Amazon oder Google sind. Deshalb surfen sie nicht nur über Firefox oder Explorer, sondern über den Tor-Browser.

Dank Tor bleiben die Nutzer anonym, sie hinterlassen keine Datenspuren im Netz. In manchen Teilen der Welt ist Tor überlebenswichtig, Oppositionelle und Menschenrechtler verwenden den Browser, um staatlicher Zensur und Verfolgung zu entgehen. Viele andere Menschen aber sehen banalere Vorteile im anonymen Surfen.

So funktioniert Tor: Wird der Browser gestartet, holt er sich eine Art Übersichts-Mappe. Innerhalb des Tor-Netzwerks gibt es neun Rechner (“Wächter”), die stündlich prüfen, welche Wege zur Verfügung stehen. Diese Rechner erstellen ein sogenanntes Konsensus-Dokument.

Tor wird von Freiwilligen betrieben. Diese stellen die Bandbreite ihrer Rechner zur Verfügung. Derzeit gibt es 6000 solcher Knotenpunkte.

Tor baut also erst einmal, über drei zufällig ausgewählte Rechner, einen verschlüsselten Tunnel auf. Erst dann schickt er die Nutzer zu einer Webseite, zum Beispiel SZ.de. Diese Seite weiß nicht, woher der Nutzer kommt. Falls die Seite, die der Nutzer besuchen will, sich aber ebenfalls im Darknet befindet, hält auch diese ihren Standort anonym. Also gibt es einen Treffpunkt, Rendezvous genannt.

Man spricht dann vom Darknet, wenn es sich um Webseiten handelt, die mit normalen Browsern nicht zu erreichen sind, also sich innerhalb des Tor-Netzwerks befinden. Webseiten im Darknet enden auf .onion.

Was Alexander U. damals in seinem Zimmer programmiert, wirkt anfangs eher wie ein Partygag, wie eine Fortsetzung der Witze-Chats der Verbindungsbrüder, in denen es um Bier und Frauen geht. Als er am 18. März 2013 sein eigenes Forum für Tor-Nutzer online stellt, mit dem Namen „Deutschland im Deep Web“, ist es zunächst nur eine Spielwiese für anonyme Chats. Sich selbst nennt er mal einen „Krypto-Anarchisten“, mal einen „Vollspacken“. Und er verspricht, jedem Gast sein Vergnügen zu lassen: „Inhaltlich ist hier alles erlaubt!“ Von nun an führt er zwei Leben. Ein gewöhnliches und ein außergewöhnliches; ein sichtbares und ein verborgenes; eines draußen in der geregelten Welt, eines drinnen im regelfreien Darknet.

Wer verstehen will, was ihn dabei antreibt, stößt auf Widersprüche. „Wenn die deutsche Kultur ausstirbt, stirbt auch der Deutsche aus“, heißt es in der Selbstbeschreibung einer Facebook-Gruppe namens „Deutsche Kultur“, die Alexander U. likt. Aber nachts, im Darknet, unterzeichnet er nicht mehr „mit bundesbrüderlichen Grüßen, Alex“. Als Lucky hilft er Linksradikalen, wenn es darum geht, sich den Blicken des Staates zu entziehen. Auf linksunten.indymedia.de zum Beispiel, einer inzwischen verbotenen Webseite, erklärt er ihnen, wie der Verschlüsselungsdienst Bitmessage funktioniert. Er begeistert sich für die Hacker-Gruppe Anonymous. Er lädt auch einmal einen örtlichen Politiker der Piratenpartei ins Verbindungshaus ein, alle lauschen höflich dessen Vortrag.

Alles soll erlaubt sein. „Ab heute“, so schreibt er am 10. August 2013, dürfe jeder Nutzer auf der Plattform seinen eigenen Chat-Raum erstellen. Es entstehen Foren für sexuelle Fantasien, vieles klingt eher lustig. In einem Chat-Raum, der den Titel „Suizid“ trägt, lässt sich „Korinthenkacker“ über „sichere“ Wege in den Tod aus, in einem anderen Raum chatten Leute wie SmokeThatWeed, German-Masters und Hedon über „Bodybuilding, Steroide und Doping“. Das Design hat Alexander U. hell und freundlich gestaltet, einladend.
Der Erfolg macht ihn zu einem Außergewöhnlichen

Bald ermöglicht er den Nutzern auch den Handel mit Drogen. So einfach geht das jetzt, wie auf Ebay: „Es wird aus Holland versendet“, postet ein Verkäufer, der seinen virtuellen Marktstand dankbar auf Luckys Plattform aufschlägt. Er bietet Haschisch zu 10,60 Euro das Gramm. Nicht gerade billig. Aber bequem. Bezahlung per Bitcoin. Versand an Packstationen, das ist praktisch anonym, denn dort kann man sich mit einem falschen Namen anmelden. „Ich versende keine Informationen, wie ich es mache“, schreibt der Dealer.

Das sei immerhin ein geringeres Übel im Vergleich zum traditionellen Drogenschwarzmarkt, sagt ein Verbindungsbruder von Alexander U. Es landet seltener Rattengift im Koks, das Ecstasy wird nicht mehr so oft mit Traubenzucker gestreckt. Denn die Verkäufer leben davon, dass sie hinterher eine gute Bewertung bekommen. Der Markt wird immer beliebter, die Käufer melden sich in Scharen an. Alexander U. erlebt, wie der Traffic auf seiner Plattform in die Höhe schießt. Bald verzeichnet er mehr als sechs Millionen Seitenaufrufe pro Monat, täglich kommen bis zu 40 neue Mitglieder hinzu. 20 000 Nutzer sind bald registriert. Der Erfolg macht ihn zu einem Außergewöhnlichen, zumindest in dieser Welt.

In der echten Welt bleibt er gewöhnlich. Seine Verbindungsbrüder beteuern, nie etwas mitbekommen zu haben von dem Treiben. Dass er abends bei den „Biertafeln“ seiner Bundesbrüder immer öfter fehlt, erklärt er mit seinem Privatleben. Er hat als einer der wenigen in dem Männerbund eine Freundin. Sie studiert mit ihm gemeinsam Informatik. Die beiden programmieren gemeinsam, seine offizielle, legale Website hat er 2013 auf ihren Namen registriert. Nichts deutet darauf hin, dass sie von seiner zweiten Welt weiß.
Es entstand ein neuer Marktplatz: Waffen

Aber wie viel weiß er selbst davon? Es ist schwer vorstellbar, dass er den Überblick behält über das, was in seinem Reich alles vorgeht. Tatsächlich erhebt er dieses Chaos sogar zum Prinzip. „Informationskontrolle, nein danke!“, lautet der Slogan der Seite. Man kann jetzt gefälschte 50-Euro-Scheine bestellen: „Sicherheitsfaden (Druck) vorhanden. Spezialpapier mit Baumwollanteil & Matt. 90 % gleiche Farbe wie im Original“.

Es wächst bald rasend schnell: Im August 2015 finden sich schon an die 4000 verschiedene Warenkategorien unter „Biete“ und „Suche“, viele Waren werden kryptisch umschrieben, sodass nur Eingeweihte verstehen, was gemeint ist. Manche Online-Shops laufen so gut,Screenshot aus dem Forum. dass Verkäufer es für nötig halten, ihrer Kundschaft mitzuteilen: „WICHTIG: Ich bin vom ca. 24.08. bis 30.08 in Urlaub!!“

Alexander U. selbst hält sich heraus. Von den 2653 Postings, die er seit 2013 schreibt, sind wenige rekonstruierbar, er zeigt sich darin als fürsorglicher Administrator. Er schreibt seinen Nutzern freundlich: „teste mal diese Einstellungen in deinem Browser“, „du hast dich wohl verschrieben“, „Werd mich heut Abend mal darum kümmern“. Er bietet Gratis-Service. Neutral ist er nicht: Er sperrt Nutzer, wenn sie wegen schlechter Zahlungsmoral angeschwärzt worden sind. Dass aber jemand gestohlene Kreditkarten oder gefälschte Pässe verkauft, nimmt er hin, er folgt seinem eigenen ethischen Kodex.

Gut möglich, dass er Dinge übersieht, dass sie ihm entgleiten. Spätestens im August 2015 allerdings genehmigt er einen neuen Marktplatz auf seiner Plattform, der einen unmissverständlichen Namen hat: Waffen. „Nach unserer Firmenphilosophie ist es ein Menschenrecht, sich und seine Freiheiten verteidigen zu können!“, postet dort schon bald ein Verkäufer, der sich „Gunny“ nennt. „Freie Menschen müssen auch die Freiheit haben, sich hierzu nötigenfalls Schusswaffen zu verschaffen.“ Es ist eine Zäsur in Luckys Karriere. So wie es bisher kinderleicht war für die Nutzer, an Drogen zu kommen, so können sie jetzt auch Pistolen bestellen. Viele schnuppern hinein, einfach, weil er es ihnen nun möglich gemacht hat.

Hat Alexander U. moralische Bedenken? Sicher ist nur, dass er ganz praktische Sorgen hat: Ihm geht das Geld aus. Offenbar verdient er selbst nichts an der Plattform. Er verkauft nie etwas. Er schaltet keine Werbung, er verlangt keine Gebühren. Wenn man sich Teile seiner Darknet-Plattform als Ebay für Verbotenes vorstellen darf, hat er die Rolle eines ehrenamtlichen Ebay-Chefs inne. Die Ermittler sollten später weder auf seinen Konten noch auf denen seiner Eltern oder seiner Freundin verdächtige Summen finden.

Vielleicht hat er heimlich Geschäfte gemacht, unter einem anderen Namen, womöglich haben das auch die Ermittler bisher übersehen, und jetzt verbirgt sich irgendwo ein Piratenschatz aus Bitcoins, den Lucky in ferner Zukunft einmal heben will. Damals aber scheint er in Geldnot zu sein. Sein Dienst an der Sache verschlingt ein kleines Vermögen. In Karlsruhe, wo er inzwischen mit seiner Freundin zusammenwohnt, steht ein Server neben der Waschmaschine. Der braucht immer mehr Strom, und je mehr Nutzer gleichzeitig auf den Server zugreifen, desto mehr Rechenleistung ist nötig. Dafür muss er immer mehr Hardware hineinschrauben.

Er kümmert sich um die Nutzer seiner Plattform, gern lässt er sich um Rat fragen, führt neue Sicherheitsfeatures ein, postet Anleitungen, wie man sich vor Überwachung schützt. Dabei ist es er selbst, der zu dieser Zeit ins Visier der Ermittler gerät.
Die Ermittler verzweifeln an ihm

„Er war der King“, erinnert sich einer der Ermittler. Ohne es zu wissen, sitzen sie nur gute hundert Kilometer von ihm entfernt. Sie sind zu dritt, sie tragen bunte T-Shirts, unter ihren Schreibtischen sammeln sich leere Colaflaschen. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt hat die Computer-Spezialisten des Zollfahndungsamts Frankfurt im Jahr 2015 auf den Fall angesetzt. Sie haben die meiste Erfahrung darin, Postsendungen mit verbotener Ware auf die Schliche zu kommen. Aber die drei Ermittler wissen auch genug über das Darknet. Luckys komplizierte Verschlüsselung versuchen sie erst gar nicht zu knacken. „Dieses Spiel wäre kaum zu gewinnen“, sagt einer.

An Heiligabend 2015 kehrt Alexander U. in seinen Heimatort zurück. Das Haus im Schwarzwald, in dem er aufgewachsen ist, liegt etwas abgeschieden am Ortsrand, hier war er lange im Sportverein, hier hat er Abitur gemacht. Er besucht seine Eltern. Um 20.20 Uhr geht er dort anscheinend noch einmal an den Rechner und zieht Bilanz. Er braucht jetzt dringend Geld.

Sein Darknet-Projekt sei über die vergangenen Monate so sehr gewachsen, schreibt Lucky im Forum, dass „die Unterhaltungskosten bald meinen Rahmen sprengen“. Seit zwei Jahren läuft das Projekt, und einige Weggefährten sind schon reich geworden. Einer von Luckys Darknet-Bekannten zum Beispiel, der sich „ZombiHolocaust“ nennt, fungiert auf der Plattform als sogenannter Treuhänder. Das heißt, er bürgt für die Zahlungsmoral von Käufern. Dafür streicht er eine Provision ein. Bei Summen bis 500 Euro nimmt er fünf Prozent, bei Summen über 2500 Euro sind es 2,5 Prozent. Alexander U. hingegen bittet nun höflich um Spenden.

So wie er früher die Werbetrommel für seine Studentenverbindung gerührt hat, indem er jedem ein Freigetränk bei der nächsten Studenten-Party versprach, der ihr bei Facebook ein Like schenkt, so verspricht er am 24. Dezember 2015 seinen Darknet-Nutzern: Warum Bitcoin doch nicht so anonym ist, wie viele Nutzer vielleicht denken. Wer mindestens zehn Euro in Bitcoin spendet, der bekommt einen schwarz-rot-goldenen Like-Daumen unter dem Benutzernamen. Tatsächlich melden sich einige Forumsmitglieder zu Wort. „Ich dachte schon, du fragst nie“, schreibt einer. Die Community wirkt überwältigt von Luckys Bescheidenheit, Nutzer bejubeln den edlen Helden, der scheinbar keine eigenen Interessen verfolgt.

Alexander U. ist damals an der Uni so unauffällig, dass einer seiner Dozenten heute sagen muss, der Student mit der Bachelorarbeit über Augmented Reality (also Kamera-Bildern kombiniert mit Animation, wie im Handyspiel Pokémon Go) sei einer unter Tausenden gewesen, leider sei es unmöglich, sich an ihn zu erinnern. Lucky hingegen wird im Darknet mit Aufmerksamkeit und Verehrung belohnt.

Die Ermittler verzweifeln an dem genialen Programmierer, die Jagd auf ihn und sein Netzwerk scheint aussichtslos zu sein – bis ihnen die entscheidende Idee kommt. Statt die Technik anzugreifen, zielen sie auf die Menschen. Schließlich mögen die Mitglieder von Luckys Plattform in ihrer eigenen Welt leben, aber sie haben doch reale Bedürfnisse, Wünsche, Träume. Die Ermittler chatten also auf der Plattform Dealer an – und geben sich als Frauen aus. Man wolle Drogen kaufen, habe aber nicht genug Geld. Ob man sich da nicht mal persönlich treffen könne, „ich würde dich auf andere Weise entschädigen, Süßer“?
Die Enttarnten sind keine Gangster; es sind junge Männer

Einer der Ermittler klatscht in die Hände, als er die Geschichte erzählt: Herrlich, wie schnell manche Dealer alle Vorsicht vergessen und zum Treffpunkt kommen – wo die Handschellen klicken. Die Beamten enttarnen ein paar kleine Dealer, dann größere. Deren Accounts schließen sie nicht, sondern steuern sie in Absprache mit den gefassten Dealern fortan selbst, nutzen sie, um noch mehr Kriminelle in die Falle zu locken. Es sei wie ein Computerspiel gewesen, in dem man immer weiter aufsteigt, sagt einer der Ermittler mit ähnlicher Begeisterung wie auf der anderen Seite wahrscheinlich sein Endgegner Lucky. Die Enttarnten sind keine Gangster-Paten aus Neukölln; es sind junge Männer, die aus dem Landkreis Böblingen kommen oder aus dem Enztal, so wie Alexander U.

Der Waffenhändler „Gunny“ etwa hatte Sturmgewehre des Typs AK 47 im Angebot. Nun entpuppt er sich als 24-jähriger Werkzeugmacher, der im Keller seiner Großmutter Dekowaffen scharf macht. Die Großmutter hört schlecht, deshalb bleibt er unbehelligt. Auch, als er sich einmal versehentlich ins Bein schießt. Den Ärzten sagt er, es sei ein Unfall mit einem Bolzenschussgerät gewesen.

Oder „Erich Hartmann“, benannt nach einem Fliegerhelden aus dem Zweiten Weltkrieg, er ist in Wahrheit ein berufsunfähiger Mann, der bei seinen Eltern lebt. Er leidet unter Angstzuständen, hat angeblich seit zwei Jahren nicht das Haus verlassen. Im Netz fühlt er sich wohler als da draußen. Er kauft und verkauft Waffen, alles läuft per Post. Und als die Polizei im Februar 2015 in Leipzig einen der größten deutschen Drogenhändler überrascht, liegen 300 Kilo Drogen im Jugendzimmer eines 20-jährigen Kellnerlehrlings. „Er konnte einem fast leidtun“, sagt ein Ermittler über den Heranwachsenden, der im Darknet berühmt war als „Shiny Flakes“. „Als Drogendealer am Hauptbahnhof hätte der keinen Tag durchgehalten.“

Es sind Leute, die sich in der realen Welt nicht trauen, Straftaten zu begehen. Wie sehr Lucky mit seiner Darknet-Plattform die Hemmschwelle für solche Menschen abgesenkt hat, zeigt sich im Juli 2016. Nach dem Münchner Amoklauf wird bekannt, dass die Waffe zuvor auf Luckys Plattform gehandelt worden war. Der Verkäufer, der sich „Rico“ nennt, ist kein abgebrühter Krimineller gewesen, er hat sich im Drogenforum einst blamiert, als er eine größere Menge Fluorid-Zahnpasta angeboten hat, mit der kein Drogenkoch etwas anfangen konnte. „Deshalb nimmt ihn hier keiner ernst”, schrieb ein Forumsmitglied. Rico wurde ausgelacht. Später suchte sich Rico ein neues Betätigungsfeld, auf dem er sich Respekt verschaffen konnte. Nur ein paar Klicks weiter, im Waffenforum.
Der Abend des 8. Juni 2017

Nicht nur „Rico“ wird enttarnt, auch „ZombiHolocaust“, den Treuhänder, lassen die Ermittler auffliegen. Aber ihnen fehlt der King: Wer ist Lucky? Sie versuchen, ihm zu schmeicheln. Großartig, was er da leiste!, loben sie. Sie schreiben ihm persönliche Nachrichten, ob er nicht Unterstützung brauche? Lucky bleibt auf Abstand. Er braucht nichts, er will nichts – solange das so bleibt, ist er sicher, glaubt er.

Doch Lucky macht einen entscheidenden Fehler. Es bleibt das Geheimnis der Ermittler, worin der besteht. Aber wenn man die Andeutungen nicht missdeutet, dann wäre Lucky an Heiligabend 2015 besser am Esstisch bei seinen Eltern geblieben, statt an den Rechner zu gehen. Der Informatiker, der kaum eigene Bedürfnisse hat, der kaum Spuren zurücklässt: Sein Spendenaufruf war leichtsinnig.

Aber eine Spur reicht den Ermittlern damals nicht. Sie müssen ihn überführen. Sie loggen sich ein und schicken Lucky über das Darknet eine Privatnachricht. Sinngemäß, so erzählt es ein Ermittler heute, lautet die Botschaft: Hallo, du Angeber. Während du das hier liest, bin ich gerade dabei, eine Schwachstelle auszunutzen, die du übersehen hast. Ich habe Zugriff auf alle Daten, die bei dir gespeichert sind.

Am Abend des 8. Juni 2017 sitzt er in seiner Wohnung in der Karlsruher Südweststadt vor dem Laptop. Er versucht, die Schwachstelle zu finden. Die BKA-Ermittler wissen das, ein Ermittlungsrichter hat ihnen erlaubt, den Datenstrom von Alexander U.s Internetanschluss live zu verfolgen. Sie sehen, wie der panische König sein Reich wieder unter Kontrolle bringen will. Lucky ist in die Falle getappt. Der Rammbock kracht durch seine Tür.

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