Shiny Flakes sagt als Zeuge zu Chemical Love aus – und es läuft nicht nach Plan

Für den Termin hat sich der 22-Jährige extra ein spezielles T-Shirt angezogen – mit einer Botschaft an das Gericht.

Im Frühjahr 2015 machte sich der Drogenshop „Chemical Love” daran, das Erbe von Shiny Flakes als Deutschlands größter Online-Dealer anzutreten: Die Macher um z100 wollten eine Art Nachfolgeseite ins Leben rufen, die mit betriebswirtschaftlichen Tools – vielfältiges Angebot, kundenorientierter Service, aufgeräumtes Shopsystem – den Online-Drogenmarkt erobert. Bis zur Zerschlagung im April 2016 ist ihnen das gelungen.

Um zu verstehen, wie Chemical Love es schaffte, in so kurzer Zeit zum Marktführer zu werden, rief das Landgericht Landau diesen Montag einen externen Sachverständigen in den Zeugenstand; jemand, der mit dem Stoff mehr als vertraut sein dürfte: Maximilian S. aus Leipzig a.k.a. Shiny Flakes.

Der mittlerweile inhaftierte „Kinderzimmer-Dealer”, wie ihn die Bild taufte, sollte Licht ins Dunkle bringen. Geklärt werden sollte eine aus Ermittlersicht drängende Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Chemical Love und Shiny Flakes? Doch nicht nur dazu erhoffte sich das Gericht Erkenntnisse von dem Zeugen: Er sollte konkreter erklären, wie ein millionenschweres Drogenimperium im Netz entsteht.

Nach der Vernehmung muss man wohl sagen: Daraus wurde scheinbar nichts. Shiny Flakes hat offenbar keine konkreten Informationen dazu beigetragen, die gegen die mutmaßlichen Betreiber hinter Chemical Love verwendet werden könnten. Prozessbeobachter beschrieben den 22-Jährigen nach der Verhandlung als „toughen Zeugen.”

Das „einzig greifbare” Indiz für eine Verbindung zwischen den beiden Drogenshops sei ein Autokennzeichen gewesen, heißt es aus Verteidigerkreisen: Einer der Shiny-Flakes-Kuriere, der den Stoff aus Eindhoven von einem Großdealer namens „Godfather” bezog und anschließend in die Shiny-Flakes-Zentrale nach Leipzig brachte, war in einem Opel mit Stuttgarter Kennzeichen gefahren.

Die Tatsache, dass Stuttgart die Heimat des mutmaßlichen Chemical-Love-Chefs ist, sowie eine gewisse Ähnlichkeit der Shopsysteme, veranlasste Richter Urban Ruppert dazu, Maximilian S. aus seiner Zelle nach Landau zu bestellen.

Wie die Zeitung Rheinpfalz berichtet, habe diese Spur jedoch in eine Sackgasse geführt – den Opel Astra nutzte eine ganze Reihe von osteuropäischen Drogen- und Waffendealern, der offizielle Halter war nur ein Strohmann.

Zu einer möglichen Verbindung zwischen den zwei größten deutschen Drogen-Startups konnte der Shiny-Flakes-Boss Maximilian S. wenig sagen. Auch zu der Frage, warum Chemical Love das Vakuum auf dem Online-Drogenmarkt so schnell füllen konnte, das Shiny Flakes nach der Zerschlagung durch die Polizei hinterlassen hatte, gab es keine neuen Erkenntnisse. Maximilian S. habe laut Rheinpfalz dem Gericht folgende mögliche Erklärung gegeben: Es laufe wie auf einem Wochenmarkt; wenn ein Obsthändler ausfällt, dann wird eben ein anderer Obstverkäufer den frei gewordenen Platz einnehmen.

So nichtssagend wie die Wochenmarkt-Metapher schien das gesamte Statement des mittlerweile inhaftierten Ex-Dealers gewesen zu sein. Etwa im Zusammenhang mit einem Boten eines möglichen Geschäftspartners, dem er 60.000 Euro auf einer Parkbank übergeben habe. Die mysteriöse Parkbank-Bekanntschaft soll ein älterer Herr gewesen sein – ein Hinweis auf Walter Kelsch, dem Vater des mutmaßlichen Chemical-Love-Bosses und möglicher Mittäter? Doch genauere Erkenntnisse, auch zu der Frage, ob Chemical Love das Shopsystem des Leipziger Drogen-Multis übernommen hatte, konnte das Gericht dem Zeugen nicht entlocken.

Dass die Vorladung des Shiny-Flakes-Betreibers derart „in die Hose ging”, wie ein Prozessbeteiligter gegenüber Motherboard beschreibt, hatte der womöglich schon geahnt: Auf seinem T-Shirt prangte die Aufschrift „Was mache ich eigentlich hier?” – vielleicht die trefflichste Zusammenfassung seiner Befragung. Das T-Shirt trage er laut eigener Aussage jedesmal, wenn er für derartige Verhandlungen vorgeladen werde.

Richter Urban Ruppert habe sich laut Rheinpfalz „beeindruckt” gezeigt vom logistischen und technischen Geschick des jungen Drogenbosses, der 914 Kilo Stoff von seinem Jugendzimmer aus verkauft hatte. „Sie haben eine Zukunft”, so der Richter, vorausgesetzt Maximilian S. wechsele das Geschäftsfeld. Nach der Haft.

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