OVB-REDAKTEURIN EXKLUSIV MIT GELEITSCHUTZ DER POLIZEI ONLINE: Im Darknet: Reise durch das verborgene Netz

Nein, der Monitor wird nicht dunkler, wenn man ins Darknet abtaucht. Das mulmige Gefühl wird aber immer stärker, je tiefer man in die Sphären des illegalen Handels vordringt. Ich bin dabei nicht alleine unterwegs, sondern exklusiv mit „Geleitschutz“. Kriminalhauptkommissar Mario Regazzoni vom Arbeitsbereich „Cybercrime“ im Polizeipräsidium Oberbayern Süd steht mir zur Seite. Ich will wissen, wie leicht man an Waffen, Drogen et cetera im Darknet rankommt und wie das Netz des illegalen Handels überhaupt aufgebaut ist. Eine spannende, erschreckende und auch ernüchternde „Reise“ – gerade mit Blick auf die jüngsten Ereignisse wie den Amoklauf in München.

Landkreis– Das Deepnet (siehe Kasten) soll bis zu 100-mal größer sein als das bekannte, „sichtbare“ Netz (Surface Web/Oberflächen-Web). Das Darknet wiederum ist aufgrund der „Untiefen“ langsamer als das „normale“. Man arbeitet hier via eines so genannten Onion-Routers. Der Name „Zwiebel“ (Onion) steht dabei für die vielen Schichten/Verschlüsselungen der Informationen, die zur weiteren Verschleierung unzählige Computer passieren.

Die Endung „.onion“ ist dabei nicht nur für den Router bezeichnend, sondern kann auch für „Otto Normalverbraucher“ gefährlich werden: Entsprechende Mails oder Links damit können ausspionieren und auf Datenklau am Heimcomputer aus sein.

Wer abseits der Hauptpfade wie Google und Co. agieren will, taucht ins Deepnet (siehe Kasten) beziehungsweise Darknet ab. Dabei hatte letzteres ursprünglich einen anderen Sinn: „Eigentlich war es für Journalisten und Organisationen gedacht, die von Zensur bedroht waren“, sagt mein „Fremdenführer“ Mario Regazzoni. Mittlerweile seien die Untiefen und zahlreichen versteckten Winkel aber hauptsächlich zum Umschlagplatz (Darknet) für illegalen Handel geworden.

Mit nur wenigen Suchbegriffen öffnet sich das Tor zur Welt des illegalen Handels. Der dafür notwendige und gleichnamige Browser ist einfach downzuloaden. Erkennbar ist er später „nur“ als grüne Weltkugel in der unteren Taskleiste des Computers. Sein Verlauf wird nicht gespeichert, es gibt keine offensichtlichen Spuren und kann nur schwer zurückverfolgt werden.

Doch zunächst muss ich Geld wechseln. Denn um im Darknet einkaufen zu können, muss man sogenannte Bitcoins (siehe Kasten) kaufen. Aktuell kostet eine Einheit davon circa 481 Euro. „Hier läuft der Handel sowohl über Börsen als auch über Marktplätze“, so der Kriminalhauptkommissar. Wer selbst diese Zahlungsströme verschleiern will, nutzt die Dienste von „Mixern“. Für eine prozentuale Gebühr der Gesamtsumme werden die Zahlungsströme per Verschlüsselungen und Transfers verschleiert. Zur Absicherung können auch Treuhänder zwischengeschaltet werden. Sie verlangen zwischen drei und 15 Prozent vom Warenwert.

Über das Eingangsportal geht es dann zu einem der zahlreichen Marktplätze. Diese können auch spezialisiert sein. „Manche existieren länger, andere verschwinden von heute auf morgen und wiederum weitere sind kurzzeitig nicht mehr vorhanden, tauchen aber nach einer Auszeit erneut aus dem Nichts auf“, beschreibt Regazzoni die Unberechenbarkeit der Verkaufsportale.

Dabei sind die Online-Marktplätze analog zum Protal „Amazon“ als Einkaufsmeile aufgebaut – inklusive Werbebanner beispielsweise für Ausweisfälschungen. Unterschied: Die Waren hier sind illegal. Der aktuell größte Marktplatz unterteilt beispielsweise in Rubriken wie „Drogen“, „Waffen“, „Sprengstoff“ und „Service“. Mich schaudert’s. Ich kenne bis dato Reiter mit Namen wie „Schuhe“, „Kleidung“ oder „Elektronik“.

Eine Liste von Waffen habe ich nun vor mir. Ein Klick vom Kauf entfernt. Drei Glock 19-Pistolen Kaliber neun Millimeter „near new“ (fast neu) werden für 4200 US-Dollar angeboten. Die Munition ist hier separat zu kaufen. Bei anderen Anbietern sind sie inklusive. Diese Pistolen scheinen speziell für einen Kunden auf Bestellung zu sein. So heißt es in der Beschreibung „Bitte nicht kaufen, wenn nicht geordert“ und „individuelles Angebot für M********e“. Wären diese drei Pistolen nicht für einen speziellen Käufer, müsste man sich für die Transaktion mit einem Nicknamen samt Passwort registrieren.

Die Verkäufer haben dabei Sterne-Wertungen in puncto Ware und Zuverlässigkeit. Zudem gibt es verschiedene „Trustlevels“ (Vertrauensebenen), die sich ein Händler im Laufe der Zeit durch Bewertungen seiner Kunden erarbeiten kann. Fassungslos starre ich auf den Polizei-Bildschirm und lese den „Qualitätsbericht“ über die Ware eines Drogenanbieters. Illegale Rauschmittel aller Sorten gibt es. 50 Gramm Heroin für circa 600 Euro. Die Bandbreite der Angebote ist vielfältig und dunkel. Dienste eines Schlägers werden ebenso angeboten wie Tipps zu verschiedenen Vorgehensweisen bei Straftaten. Einige davon klingen, als wären sie aus Drehbüchern abgeschrieben. Eine E-Mail-Bomb kostet 5,90 US-Dollar. Auch Hackerdienste für Facebook und Kreditkartenaccounts werden angepriesen. Doch nicht jede Ware wird weltweit geliefert. Viele sind auf nationale Ebenen beschränkt. Die Zustellung erfolgt unterschiedlich: In Teilen zerlegt per Post nach Hause oder in Packstationen. Besondere Waren werden via GPS-Daten zugestellt. Dann muss der Kunde zu dem Punkt gehen und dort die Ware beispielsweise ausgraben.

2013 ist ein Schlag gegen die Darknet-Szene gelungen. Damals wurde der Gründer eines Drogen-Marktplatzes (Umsatz: Hunderte von Millionen US-Dollar) gefasst.

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