Das Darknet und die Tatwaffe von München

Der Amokläufer von München benutzte bei seiner Tat Ermittlern zufolge eine wieder schussfähig gemachte Dekowaffe, die er im Internet gekauft hatte. Er ist nicht der erste Täter, der so an seine Mordwaffe kam.

Die Waffe des Amokläufers war eine Glock.

Der Amokläufer von München benutzte bei seiner Tat Ermittlern zufolge eine wieder schussfähig gemachte Dekowaffe, die er im Internet gekauft hatte. Bei der Waffe handelt es sich um eine halbautomatische Glock-Pistole, die wahrscheinlich aus Tschechien oder aus der Slowakei stammt. Als Dekowaffen bezeichnet man Waffen, die früher scharf waren, dann aber unbrauchbar gemacht wurden.

In Deutschland gelten Waffen laut Waffengesetz als unbrauchbar, wenn die Patronenlager so verändert wurden, dass keine Munition mehr geladen werden kann. Zudem müssen der Verschluss und der Auslösemechanismus dauerhaft funktionsunfähig gemacht werden, und der Lauf muss entweder einen Längsschlitz aufweisen oder an mehreren Stellen durchbohrt sein. So wird sichergestellt, dass die Waffen nicht mehr funktionstüchtig gemacht werden können und nur noch als Dekorationsobjekte oder Theaterrequisiten taugen.
Andere Länder, andere Vorschriften

Andere Länder aber besitzen diese strengen Vorschriften nicht. Dort werden Waffen nur mit einem dünnen Stahlstift blockiert, bevor sie verkauft werden. Diese Waffen wieder scharf zu machen ist kein Problem. Dafür braucht man nur ein paar Werkzeuge aus einem Baumarkt. Selbst Menschen, die ansonsten nichts mit Schusswaffen zu tun haben, benötigen nur etwa eine Stunde, dann haben sie wieder eine funktionsfähige Waffe.

Solche Dekowaffen konnte man bis vor kurzem einfach online bei Händlern in der Slowakei bestellen. Für wenige hundert Euro war eine Pistole zu haben. Das Bundeskriminalamt stellte schon 2014 fest, dass der illegale Umbau von Dekowaffen in Deutschland und Europa zugenommen hat.

Solche Waffen wurden auch vor dem Amoklauf in München für Straftaten und für Terroranschläge genutzt. So hatten beispielsweise die Attentäter, die im Januar 2015 das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ überfielen und zwölf Menschen erschossen, wieder scharf gemachte Waffen.
Trotz strengerer Gesetze unzählige Waffen im Umlauf

In der Slowakei ist der Online-Handel nun erschwert. Auch die Europäische Kommission hat das Problem erkannt und für EU-Staaten gemeinsame Mindeststandards für die Deaktivierung von Feuerwaffen beschlossen. Dennoch sind unzählige Dekowaffen im Umlauf, die sich leicht wieder zu scharfen Waffen umbauen lassen. Und es ist kein Problem, eine solche Waffe, auch bereits wieder scharf gemacht, im Internet zu kaufen. Auch Ali David S. soll seine Waffe dort erworben haben, und zwar im sogenannten Darknet.

Das Darknet ist ein verborgener, jedoch leicht auffindbarer Bereich des Internets, in dem Kriminelle zum Beispiel Drogen oder eben Waffen anbieten. Man kann diese Waffen mit wenigen Klicks bestellen – wie ein Buch oder ein Kleidungsstück. Seit einiger Zeit muss man dafür aber nicht einmal mehr ins Darknet, denn man kann solche Waffenhändler sogar mit gängigen Suchmaschinen finden. Es gibt Plattformen im Netz, die einzig dazu dienen, illegale Waren zu kaufen beziehungsweise zu verkaufen. Die kriminellen Waffenhändler werben auf diesen Seiten offen für ihr Sortiment.

Caffier für Diskussionen über Darknet und Werte

Lorenz Caffier setzt sich für eine Wertediskussion in Deutschland ein.

Nach dem Amoklauf in München und dem Sprengstoffanschlag in Ansbach ist eine Diskussion über die Verschärfung des Waffenrechts entstanden. Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) ist in diesem Punkt zurückhaltend. Im NDR Info Interview sagte Caffier, es sei ganz wichtig, den Ermittlern und Fachkräften überhaupt erst mal die Chance zu geben, Fakten zu ermitteln. Erst dann gebe es Grundlagen, auf denen die Politik Entscheidungen treffen könne und sollte.
Im Notfall auch Bundeswehreinsatz im Inneren

Was folgt auf den Amoklauf und den Anschlag in Bayern? Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Caffier forderte auf NDR Info neben Gesetzesverschärfungen eine Diskussion über gesellschaftliche Werte. Audio (04:41 min)

Das Waffengesetz in Deutschland sei eines der schärfsten. Bevor man Diskussionen über eine Verschärfung führe, müsse man sich zunächst über die Hintergründe informieren. Die andere Diskussion, die wieder aufkommt, ist die des Einsatzes der Bundeswehr im Inneren. Es sei ganz klar, dass man in bestimmten Lagen oder Situationen die Bundeswehr zum Einsatz bringen müsse. Das neue Weißbuch der Bundeswehr lasse diese Möglichkeit ja auch zu.

Man könne den Menschen in Notsituationen nicht erklären, wieso die Bundeswehr nicht eingesetzt werde, wenn sie über Fähigkeiten und Techniken verfüge, die die Polizei nicht habe. Daher sei es richtig die Bundeswehr mit einzubinden.

“Generelle Wertediskussion ist nötig”
Stichwort: Darknet

Im sogenannten Darknet (“dunkles Netz”) können sich Internetnutzer anonym bewegen. Der nur über Anonymisierungsdienste erreichbare Bereich des Internets wird häufig von Kriminellen genutzt, aber auch von Menschen, die viel Wert auf ihre Privatsphäre legen oder in einem repressiven politischen System leben. Zugangsvoraussetzung ist eine Anonymisierungssoftware, etwa die Freeware “Tor”. Damit werden Datenpakete zwischen Tor-Servern verschlüsselt weitergeleitet. Jeder Server kennt so nur seinen Vorgänger und seinen Nachfolger, aber nicht die gesamte Verbindung von einem zum anderen Ende. Dadurch wird die IP-Adresse des Nutzers getarnt.

Grundsätzlich spiele bei jeder Kriminalisierung von jungen Menschen das Elternhaus eine entscheidende Rolle. Die Werte für das spätere Leben würden im Elternhaus gelegt, so Caffier auf NDR Info. Insofern brauche man wieder eine Wertediskussion. Natürlich habe aber auch der Staat eine Verpflichtung im Rahmen der späteren Entwicklung von Menschen.

Eine besondere Rolle spiele aber auch das Internet, das immer mehr an Fahrt aufnehme, sagte Caffier. Es gebe einfach Menschen, die kriminelle Energien entwickelten. Dabei spiele das Internet, gerade das sogenannte Darknet, eine entscheidende Rolle. Darüber werde die Politik reden müssen.

Innenausschuss-Vorsitzender will anonyme Zahlungen im Darknet “austrocknen”

Weil der Amoktäter von München seine Waffe offensichtlich im Darknet kaufen konnte, will die Politik stärker gegen illegale Waffenkäufe vorgehen: “Wir müssen die anonymen Zahlungswege austrocknen”, sagte der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Ansgar Heveling (CDU), der “Rheinischen Post” (Montagsausgabe). In dem verborgenen Bereich des Internets werden Zahlungen gewöhnlich anonym abgewickelt.

Heveling verwies darauf, dass der legale Zugang zu Waffen in Deutschland bereits sehr streng reglementiert sei. Das Problem liege offensichtlich beim illegalen Waffenhandel. Möglicherweise müssten die Strafverfolgungsbehörden weitere Ermittlungsmöglichkeiten im Darknet bekommen, sagte der CDU-Politiker.

Amoklauf von München

Die Waffe aus dem Darknet

Der Attentäter von München hat sich seine Waffe aus dem Darknet beschafft. Wie einfach bekomme ich da eine Waffe und was kann die Polizei dagegen tun?

Die Pistole, mit der Ali David S. in München neun Menschen und sich selbst erschoss, war eine reaktivierte Theaterwaffe. Diese Waffe, eine Glock 17, hatte sich Ali David S. im Darknet beschafft. Darauf deuten Chatprotkolle hin, die die Ermittlungsbehörden bei der Durchsuchung sicherstellen konnten.
Erschreckend einfach…

In den Medien wird das Darknet etwas verschwurbelt als geheimes Web bezeichnet. So beschreibt es jedenfalls die Süddeutsche Zeitung, auch Focus Online spricht von einer Art Geheiminternet. Das ist aber irreführend, sagt unsere Netzreporterin Martina Schulte. Weil es sich so anhört, als sei es nur mit gewissen technischen Kenntnissen möglich, dort einzukaufen. Das stimme aber ganz und gar nicht, es sei ganz leicht.

“Viele Kids oder auch Party-Drogenkonsumenten sind da heute recht selbstverständlich unterwegs.”

Martina Schulte, DRadio-Wissen-Netzreporterin

Um an diesen “so wahnsinnig geheimen Platz” zu kommen, sagt Martina Schulte, braucht man nicht viel mehr als einen Tor-Browser. Und den hätten sich im Zug der Snowden-Affäre viele runtergeladen.

Den Torbrowser kann man nutzen, um unerkannt im normalen Internet rumzusurfen
Er verschleiert die IP-Adresse des Nutzers
Man gelangt damit auch ins Darknet oder Deepweb, im Jargon “Onion-Land” genannt, weil die Zwiebel das Symbol des Tornetzwerks ist und die Deepwebseiten die Endung .onion haben

Dark ebay

Im Darkweb ist es mittlerweile aber nicht mehr besonders dark, sondern eher mainstream, das haben wir euch hier vor einem halben Jahr schon mal erklärt. Es gibt dort Markplätze, die ähnlich funktionieren wie Ebay. Dort kann man sich so einiges besorgen: von einer Dreierpackung mit gefälschten 20-Euro-Scheinen (für 20 Euro) über Koks bis hin zu gehackten Kreditkarten oder einem deutschen Personalausweis mit Wasserzeichen für rund 650 Euro.

“Und das Verrückte ist, der Kauf dort ist genau so organisiert wie in der normalen Netzwelt: mit Preissuchmaschinen, einer eigenen Wiki – der Hidden Wiki – und Bewertungsportalen.”

Martina Schulte

Da kann man dann seinen Drogendealer bewerten. Ob der Preis in Ordnung war, die Qualität oder auch die Zustellung. Die Ware kommt ja meist bequem mit der Post nach Hause, genau wie bei Ebay oder Amazon.

Soweit so banal. Der größte Teil der illegalen Waren im Darknet sind illegale Drogen, gefolgt von verschreibungspflichtigen Medikamenten. Die machen laut einer Economist-Studie über 95 Prozent des Marktes aus, der 2015 ganze 140 Millionen Dollar schwer war.
Drogen, Medikamente, Waffen, Kinderpornos

Waffen oder Kinderpornografie werden im Vergleich zu Drogen sehr sehr selten gehandelt. Das Darknet-Watchblog Deepdotweb schreibt, in der Vergangenheit hätten einige wenige bekannte Darknet-Marktplätze gegen den Wunsch vieler Nutzer den Handel mit Waffen gestattet.

Die meisten Darknet-Nutzer sind eher am Kauf illegaler Drogen interessiert – sie haben jetzt Angst, schrieb Deepdotweb, dass Waffenverkäufe für unnötige Medienaufmerksamkeit sorgen.

“Wenn mit einer Waffe aus dem Darknet ein Terroranschlag verübt wird, geht es den Drogenhändlern mit an den Kragen, so die Befürchtung.”

Martina Schulte

Die Ermittlungsbehörden würden das Darknet dann stärker ins Visier nehmen als bisher. Nach München ist das eine nicht unberechtigte Vermutung.
Ist der Waffenkauf im Darknet einfach?

Im Prinzip ja, sagt Martina Schulte. Gerade Anfang Juli sind von der Staatsanwaltschaft Stuttgart drei Deutsche angeklagt worden, die im darkweb mit Schnellfeuerwaffen gehandelt haben sollen. Sie haben unter anderem eine AK-47, also eine Kalaschnikow, verkauft – und eine Zastava M70, das ist ein serbischer Kalaschnikov-Nachbau.

“Es waren Dummy-Waffen, die nicht mehr funktionsfähig waren – der Käufer hat sie dann wieder scharf gemacht.”

Martina Schulte

Das Blog Deepdotweb schreibt, die Waffen und die Munition seien auf Darknet-Marktplätzen für insgesamt 11.200 Euro verkauft und dann an den Käufer per Post nach Paris geschickt worden. Und zwar, wie “Die Welt” schreibt, zu einem sehr heiklen Zeitpunkt: Mitte November 2015, kurz vor den Anschlägen in Paris. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat aber keinerlei Anhaltspunkte dafür gefunden, dass die Waffen tatsächlich in Paris angekommen sind.
Hase und Igel

Den Waffenhandel im Darknet komplett verhindern kann die Polizei nicht, sagt Martina Schulte.

“Wenn die Polizei einen Händler hochgehen lässt, macht an einer anderen Ecke ein neuer auf. Das ist so eine bisschen wie beim Rennen zwischen Hase und Igel.”

Martina Schulte

Trotzdem sind im Darknet viele Ermittlungsbehörden und auch die Geheimdienste unterwegs. Ein verbreiteter Ermittlungs-Ansatz ist es, so genannte “Honey-Pots” aufzustellen: Beamte übernehmen die Accounts von Händlern und die Käufer, die dort illegale Waren kaufen wollen, landen direkt bei der Polizei. Das komplette Darknet kann man mit solchen Methoden aber sicher nicht trockenlegen.
Nicht nur schlecht

Das Darknet wird aber nicht nur zum Drogenverkauf genutzt – es ist auch für Dissidenten und Whistleblower ein wichtiger Ort, an dem man unerkannt kommunizieren kann. Außerdem hilft das Darknet auch, Gewalt zu vermeiden. Zu diesem Schluss kommt der Global Drug Survey, eine der größten Drogenumfragen im Netz. Denn man muss nicht mehr in dunklen Straßenecken Drogen kaufen.

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