Deutsche ziehen pro Session am wenigsten Koks

Ein neues Jahr harter wissenschaftlicher Arbeit bringt uns die Erleuchtung: Die Global Drug Survey erklärt uns einmal mehr, welche Länder welchen Stoff am liebsten mögen und welche Trends sich in der Drogennutzung auftun. Laut der Studie explodiert der Online-Handel in Sachen Umsatz und Reichweite, kaum jemand will Drogen in guter Qualität gegen synthetische Ersatzstoffe tauschen und in den Ländern des Commonwealth zahlen Konsumenten immernoch absurd viel für ihren Rausch.

Was die Survey über Deutschland sagt, ist überraschend: Offensichtlich gehören wir trotz moderater Drogenpreise zu den Schlusslichtern im internationalen Konsum. Beim intravenösen Konsum liegt Deutschland auf dem zweitletzten Platz weltweit nach den Niederlanden. Was den Konsum von Gras und starken Kräutermischungen angeht, liegt Deutschland im internationalen Mittelfeld, konsumiert aber andererseits kaum Haschisch oder Haschischöl.

Wie in den meisten europäischen Ländern wird Cannabis sehr selten ohne Tabak konsumiert, während in nord- und mittelamerikanischen Ländern kaum noch Tabak zum Kiffen verwendet wird. Das dürfte vor allem an der großen Beliebtheit von Vaporizern, aber auch an der medizinischen Nutzung von Cannabis liegen, die in diesen Ländern stark zugenommen haben.

Bei den Preisen für ein Gramm Gras ist Deutschland im europäischen wie internationalen Vergleich sehr weit unten bei 10 Euro—in Norwegen kostet das Gramm dagegen im Schnitt 65 Euro. 1,2 Prozent der Konsumenten haben hierzulande wegen unterschiedlichster Beschwerden einen Notruf abgesetzt: voll im internationalen Durchschnitt.

Zwar gaben einige Befragte aus Deutschland an, weniger trinken zu wollen, die Deutschen suchen sich aber am wenigsten professionelle Hilfe für ihr Alkoholproblem. Sie liegen außerdem nur 1,5 Prozentpunkte über dem internationalen Durchschnitt an Leuten, die ihren Alkoholkonsum bremsen möchten.

Und noch etwas scheint unglaublich, wenn man sich Volksfeste und andere Anlässe zum Trinken ansieht: Deutschland gehört zu den Ländern mit den wenigsten Menschen, die nach dem Suff einen Notarzt brauchen. Auch der Prozentsatz von Teilnehmern mit einem schweren Alkoholproblem—gemessen nach einem AUDIT-Score von 16—ist hier im Vergleich sehr niedrig.

Zu den Schlusslichtern gehört Deutschland auch in der Nutzung diverser Legal Highs, zumindest in den letzten beiden Jahren. Hier gehen die Nutzungszahlen allerdings nach oben. Um welche Substanzen es sich in dem breiten Spektrum der “jungen” Drogen handelt, hat die Studie nicht ermittelt—diese Lücke sieht das Forscherteam selbst als großen Mangel der Studie. Mittlerweile werden etwa 50% aller Legal Highs online bestellt—in Deutschland tut das genau die Hälfte der Konsumenten. Beim Anteil der Online-Bestellungen an der gesamten Drogenbeschaffung liegt das Land damit weit hinter Frankreich, Kanada und Schweden zurück.

Trotz der Schließung vieler Darknet-Marktplätze zählt die GDS auch beispielsweise die Beschaffung via Social Media zum Online-Kauf. Deutsche Konsumenten kaufen dabei im Vergleich mit dem europäischen Festland sehr viel im Internet, liegen aber immer noch hinter allen englischsprachigen Ländern außer Neuseeland zurück. Dafür hatte Deutschland in den letzten Jahren einen kontinuierlichen Anstieg der Online-Beschaffungen zu verzeichnen. Für 5% der Darknet-Käufer weltweit war diese Beschaffungsmöglichkeit der Einstieg in den Konsum.

Bezüglich Kokain gibt es eine sehr interessante Erkenntnis: Deutsche koksen sehr sparsam. Sie nutzen pro Session durchschnittlich die geringste Menge und teilen sich das Gramm auf eine überdurchschnittliche Anzahl Lines auf—in Brasilien wird da schonmal pro Session dreimal so viel in dickeren Lines gezogen. Nur 3,9% aller Befragten aus Deutschland hatten mit Gewalt zu tun, als sie den Stoff kauften—zum Vergleich machte ein Drittel aller brasilianischen Käufer Erfahrungen mit Gewalt. Der Preis selbst für hochwertiges Kokain liegt in Deutschland im internationalen Durchschnitt, worum uns vor allem die Australier und Neuseeländer beneiden werden: Dort kostet Kokain mehr als das Doppelte.

Dafür sind die Deutschen auch nach Australiern und Iren am unzufriedensten mit dem Preis-Leistungsverhältnis. Das Verhältnis beim Alkohol bewerten sie sogar am schlechtesten und weit unter dem internationalen Durchschnitt—trotz dem scheinbar starken Trinkeranteil in der Bevölkerung. Auch Cannabis bewerten sie unterdurchschnittlich gut im Preis-Leistungsverhältnis.

Auffällig ist also, dass zwar die Preise grundsätzlich im Durchschnitt liegen, die Qualität aber sehr niedrig bewertet wird. Liegt die sparsame Nutzung an dem schlechten Eindruck von der Qualität oder umgekehrt? Zeigen sich die Deutschen hier einfach nur als weltmeisterliche Nörgler? Skepsis macht hier vielleicht nicht glücklich, aber schaden kann der gebremste Konsum auf jeden Fall nicht.

Der Drogen-Suchtbericht 2016 beweist: die Drogenpolitik ist gescheitert

Gestern hat die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), den Drogen-Suchbericht 2016 vorgestellt. Der Trend ist eindeutig: Der Konsum so ziemlich aller illegaler Drogen steigt, während legale Drogen leicht auf dem Rückzug sind. Das 170 Seiten starke Papier unterscheidet sich nur in Nuancen von denen der vergangenen Jahre. Besonders bedauerlich sind die vielen, neuen „Legal-High”-Toten. Sie demonstrieren das Scheitern der derzeitigen Drogenpolitik.

Anstatt die Substanzen auf deren Gefahrenpotential zu untersuchen und die Öffentlichkeit zu informieren, wird seit dem Auftauchen von “Spice” und Co. an der Repressions-Schraube gedreht, während die Zahl der Konsumierenden steigt. Safer Use, also ein verantwortungsvoller Umgang mit Drogen, kommt, wie alle anderen alternativen Lösungsansätze, im Mortler’schen Bericht übrigens gar nicht vor. NGOs, Wissenschaftler oder Sucht- und Präventionsexperten, die solche Lösungen unterstützen, werden ebenso ignoriert wie das eigentliche Gefahrenpotential legaler sowie illegaler Substanzen.

Dabei zeigen die Zahlen bei Tabak und Alkohol, dass der Konsum von stark suchterzeugenden sowie gesundheitsschädliche Substanzen mit engagierten Präventionsangeboten und der notwendigen Aufklärung sehr wohl rückläufig sein kann. Aber Marlene Mortler wird nicht müde zu betonen, dass man die positiven Erfahrungen nicht auf Cannabis übertragen könne und deshalb am Verbot nicht zu rütteln sei. Kurzum, Frau Mortler hat auch 2016 wieder geliefert, was ein „Weiter so” rechtfertigt, auch wenn sowohl die Zahlen als auch die öffentliche Meinung mehr fordern. Allerdings kann es 2016 auch keine Lösung mehr sein, Konsum akzeptierende Ansätze einfach zu ignorieren, nur weil sie verboten sind. Würde Drogenpolitik so funktionieren, gäbe es die auch von Mortler unterstützte Heroinabgabe an Langzeituser bis heute nicht, weil ihre Partei sich einst mit Händen und Füßen gegen deren Einführung gewehrt hatte.
Viele Experten bleiben außen vor

Dabei gibt es zahlreiche Experten und sogar 120 Strafrechtsprofessoren, die einen regulierten Cannabismarkt fordern. Viele von Ihnen haben sich im Schildower Kreis zusammengefunden, um ihrer Forderung für eine liberalere Drogenpolitik eine gemeinsame Plattform zu geben. Weil ihre Expertisen im offiziellen Bericht gar nicht nicht vorkommen, haben sich der “akzept Bundesverband”, die “Deutsche AIDS-Hilfe” und der “JES Bundesverband” sowie weitere Experten auch dieses Jahr wieder entschlossen, dem DSB 2016 mit ihrem “Alternativen Drogen-Suchtbericht” etwas Gehaltvolleres entgegenzusetzen.

In der deutschen Drogenpolitik herrscht Stillstand. Beim Konsum der Volksdrogen Tabak und Alkohol ist Deutschland Weltspitze, bei den illegalisierten Drogen führen Strafverfolgung und ein Mangel an Hilfsangeboten zu immer mehr Drogentoten und drastischen Problemen für Konsumierende und die Gesellschaft:
• Schlechte Qualität der Substanzen und Marginalisierung der Betroffenen führen zu gesundheitlichen Risiken (z.B. Überdosis), medizinische Versorgung wird erschwert.
• Konsumierende werden in kriminelle Karrieren, Verelendung und Beschaffungskriminalität getrieben, kriminelle Strukturen gefördert.
• Strafverfolgung, Inhaftierung und Folgeerkrankungen verursachen enorme Kosten.

 

Die Herausgeber des Alternativen Drogen- und Suchtberichts fordern daher:

 

• eine wissenschaftlich fundierte Überprüfung des BtMG
• staatlich kontrollierte Abgabe von bisher illegalen Substanzen (bei Cannabis z.B. über autorisierte Geschäfte, bei Heroin über das Medizinsystem), als erster Schritt Straffreiheit beim Besitz von geringen Mengen
• flächendeckende Einführung lebensrettender Maßnahmen wie Drogenkonsumräume und die Verfügbarkeit des Notfallmedikaments Naloxon sowie Druck-Checking und Spritzenvergabe in Haft.

Besonders aufgebracht sind die Experten um dem Bremer Suchtforscher Dr.Heino Stöver über die Weigerung Mortlers und ihres Hauses, die Internationale Entwicklung in Kanada, den USA, Uruguay, Spanien und vielen anderen Ländern überhaupt wahrzunehmen, gerade weil Cannabis auch bei uns immer beliebter wird. Stattdessen wird wieder die Jugendschutzkarte gespielt, indem bei Cannabis wie in jedem Jahr lediglich Zahlen zu jungen Konsumierenden bekannt gegeben werden, Kiffer über 30 werden statistisch sowieso seit Jahren komplett vernachlässigt. Aber vielleicht gehört der DSB 2016 auch zur Doppelagenten-Strategie Mortlers: Indem sie die Meinung zahlreicher Fachleute seit Jahren ignoriert und selbst den Dialog mit ihnen meidet, wurden die förmlich dazu gezwungen, ein weitaus besseres und fundiertes Werk als den DSB 2016 zu schaffen. Ganz zum Schluss noch die Bilanz 2015:

Alkoholtote: 15.000
Nikotintote: 110.000
Tote durch illegale Substanzen: 1.226
Cannabistote: 0

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