Der gescheiterte Krieg gegen Drogen

Der Journalist Johann Hari sucht in „Drogen: Die Geschichte eines langen Krieges“ nach den Wurzeln und Konsequenzen der weltweiten Drogenprohibition. Eines der lesenswertesten Bücher des Jahres 2015.

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Nachdem die afroamerikanische Sängerin Billie Holiday 1939 im New Yorker Café Society den Song “Strange Fruit” gesungen hatte, herrschte für einige Sekunden Stille im Lokal. Erst nach einiger Zeit begann zögernder, sich steigender Applaus.

“Southern trees bear a strange fruit,
blood on the leaves and blood at the root,
black body swinging in the Southern breeze,
strange fruit hanging from the poplar trees.”

Eine solche künstlerische Aussage gegen Lynchmorde in den USA hatte man bis dahin in einem Club, der überwiegend von Weißen frequentiert wurde, nicht gehört. In den Südstaaten sang Billie Holiday den Song nur selten – in Mobile, Alabama wurde sie gar aus der Stadt gejagt, weil sie versucht hatte, das Lied zu singen.

 

Rassismus als Wurzel der Drogenprohibition

Der Rassismus, über den Billie Holiday sang und den sie selbst am eigenen Leib erfuhr, dient Johann Hari auch als Anschauungsbeispiel für die Anfänge des “war on drugs”. Denn es war Harry Anslinger, Vorsitzender des Federal Bureau of Narcotics (FBN), der jegliche Nutzung von Hanf und Opium – auch zu medizinischen Zwecken – bekämpfte und dies besonders oft mit der Angst vor drogensüchtigen Schwarzen und Mexikanern begründete, die im Rausch Gewalttaten verüben würden.

Als Mitglied der Drogenkommission der Vereinten Nationen erreichte der Rassist Anslinger in den sechziger Jahren auch das weltweite Verbot des Cannabisanbaus. Seine Behörde drangsalierte schwarze Künstlerinnen und Künstler wie Billie Holiday wegen ihres Drogenkonsums sogar noch im Spitalsbett. Mit welchen Methoden Anslingers Büro dabei vorging, und wie es sich dabei am Tod der Sängerin mitschuldig machte, beschreibt Johann Hari im ersten Kapitel von “Drogen: Die Geschichte eines langen Krieges”. Die Beschreibung des Rassismus, der den Drogenkrieg bis heute bestimmt, zieht sich konsequenterweise durch das ganze Buch.

Emotionen

Weil es Johann Hari gut gelingt, historische Fakten mit den Erzählungen Betroffener zu kombinieren, ist “Drogen: Die Geschichte eines langen Krieges” so spannend wie ein Kriminalroman. Der Autor begab sich in Mexiko auf die Spuren der kriminellen Vereinigung Los Zetas und interviewte in einem US-Gefängnis eines ihrer früheren Mitglieder. Er sprach mit drogenabhängigen Frauen, die unter menschenunwürdigsten Bedingungen in einer Strafkolonie in der Wüste Arizonas gefangengehalten und aneinandergekettet der Öffentlichkeit vorgeführt werden. Er interviewte Polizisten, denen im Lauf ihrer jahrelangen Arbeit die Sinnlosigkeit des Drogenkrieges bewusst wurde und die sich seitdem für dessen Ende bzw. für Drogensüchtige engagieren. Die Interviews und Lebensgeschichten, die Hari widergibt, sind bewegend und mitreißend, aber nie reißerisch dargestellt.

Gelungene Analyse #1

Hari gelingt es, die durch die Drogenprohibition erst entstandenen Probleme verständlich zu erklären und intelligente Lösungen aufzuzeigen – etwa wenn er im Mittelteil des Buchs das “iron law of prohibition” erklärt: Je härter der Drogenhandel und -konsum verfolgt wird, umso potenter werden die Drogen auf dem Schwarzmarkt. Die Folgen der Alkoholprohibition dienen als Beispiel. Vor dem Verbot von Alkohol war Bier das beliebteste alkoholische Getränk der US-Amerikaner. Ab der Prohibition im Jahr 1920 wurden fast nur noch hochprozentige alkoholische Getränke hergestellt. Die Gründe sind vor allem ökonomischer Natur: Für einen Schwarzhändler ist es weit ungefährlicher und lukrativer, eine Wagenladung Whiskey zu schmuggeln als eine Wagenladung Bier. Viele der hochprozentigen Getränke während der Prohibition enthielten giftiges Methanol sowie andere Verunreinigungen und waren deshalb weit gesundheitsschädlicher als der legale Alkohol zuvor.

Die Prohibition von Drogen, so argumentiert Hari, habe die gleichen Konsequenzen. Vor ihr konsumierten viele amerikanische Hausfrauen etwa Tropfen und Säfte mit geringem Opiatgehalt aus der Apotheke. Schwach kokainhaltige Limonaden wie Coca Cola wurden im Laden um die Ecke angeboten. Ab dem Verbot der Substanzen gelangten Heroin und Kokain in Form hochkonzentrierter und verunreinigter Pulver auf den Schwarzmarkt. Das “eiserne Gesetz der Prohibition” bestätigt sich aber auch im Fall der Cannabisprohibition: Hochpotente Hanfsorten wie Superskunk und Northern Lights entstanden erst nach dem Verbot.

Der Autor sprach mit Ärzten, Sozialarbeitern und Politikern – darunter auch mit José Mujica, von 2010 bis 2015 Präsident Uruguays. Während dessen Amtszeit legalisierte Uruguay sowohl den Verkauf von Cannabis in Apotheken, als auch den privaten Anbau. Haris reiste nach Portugal und in die Schweiz – Länder, die mit der Abgabe von Heroin auf Rezept an Abhängige einen starken Rückgang von Konsum, Gewaltverbrechen und Krankheiten erreicht haben.

 

Gelungene Analyse #2

Was geschieht, wenn man eine Ratte in einen Käfig sperrt und ihr zwei Wasserflaschen zur Verfügung stellt, von denen eine mit Heroin versetzt ist? Die Ratte konsumiert die Droge wie besessen bis sie an einer Überdosis stirbt. Dieses Experiment wurde jahrzehntelang als Beweis für die pharmakologische Erklärung von Heroinsucht herangezogen – bis in den siebziger Jahren der Psychologe Bruce Alexander eine Vergleichsstudie startete. Er baute einen zweiten Rattenkäfig, den er “Rat Park” nannte. Darin lebten mehreren Ratten, denen Spielsachen und Bewegungsmöglichkeiten zur Verfügung standen. Das erstaunliche und wiederholbare Ergebnis von Bruce Alexanders Versuch: Nur die Ratte, die allein in ihrem Käfig lebt, stirbt an einer Überdosis, während die Ratten in “Rat Park” das mit Heroin versetzte Wasser kaum anrühren. Sie trinken lieber das Wasser ohne Drogen. Die Tiere im “Rat Park” werden weder abhängig, noch sterben sie an einer Überdosis.

Zur gleichen Zeit als Bruce Alexander dieses Experiment macht, befindet sich Amerika im Vietnamkrieg. 20 Prozent der US-Soldaten in Vietnam konsumierten dort Heroin. Doch die in Amerika befürchtete Welle an heroinsüchtigen Kriegsheimkehrern blieb aus – 95 Prozent der Veteranen beendeten den Drogenkonsum, sobald sie zu ihren Famlien heimgekehrt waren. Eine rein pharmakologische Erklärung von Sucht ergibt keinen Sinn, schließt Brude Alexander aus all dem – Drogenabhängigkeit müsse in erster Linie eine Reaktion auf den Käfig bzw. das Umfeld des Individuums sein.

Journalistisches Meisterwerk

Johann Hari schreibt regelmäßig Kolumnen für The Independent und The Huffington Post und ist gelegentlich im britischen Fernsehen zu sehen. Im Juli 2011 wurden gegen den mehrfach preisgekrönten Journalisten Plagiatsvorwürfe erhoben wurden, in deren Folge er einräumte, dass er in Interviews Textpassagen aus anderen Artikeln verwendet habe. Wohl auch deshalb wirkt sein aktuelles Buch so, als wolle Johann Hari seine damals beschädigte Reputation wiederherstellen.

Rund ein Drittel des Werks besteht aus Quellenverweisen und Zitatnachweisen. Diese sorgfältige Dokumentation, die gekonnte Auswahl der Interviews und deren spannende Darstellung, sowie die messerscharfen Analyse des Drogenkriegs und seiner Konsequenzen machen “Drogen: Die Geschichte eines langen Krieges” – im Original “Chasing the Scream: The First and Last Days of the War on Drugs” – für mich zu einem Buch, dessen Lektüre ich wirklich jedem empfehlen möchte. Die deutsche Übersetzung ist erschienen im Fischer-Verlag.

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